Ich hab Leben

Ich bin krank. Und schwerbehindert. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. In Ordnung, es ist nicht nur ein Schnupfen. Es ist auch nicht nur eine Krankheit, es sind mehrere und alle chronisch und nicht heilbar. Ich könnte auch schreiben unheilbar, aber dann sind wir sofort an dem Punkt, warum ich das hier und jetzt schreibe. Aber warum eigentlich nicht.

Wie geht’s dir?“
Killerfrage.

Erstens interessiert es dich nicht. Zweitens würden dich Teile meiner Antwort verunsichern. Aber bitte, du hast es so gewollt:
Als ich fünfundzwanzig war, bekam ich von einem wunderbaren Neurologen mitgeteilt, daß ich Multiple Sklerose habe. Das ist übrigens die Krankheit, die jeder kennt, weil er jemanden kennt, der eine Tante hat, die auch MS hat und im Rollstuhl sitzt. Alle sitzen im Rollstuhl. Damals begegnete ich das erste Mal in meiner Krankenkarriere zwei Augen, die mich so hilflos anschauten, daß ich spontan vergaß krank zu sein und anfing, mein Gegenüber in den Arm zu nehmen und zu trösten.

Ich habe seit der Diagnose übrigens nie darüber nachgedacht, irgendwann im Rollstuhl zu sitzen. Ich hatte auch nie Alpträume deswegen. Sorry. Warum schreibe ich, der wunderbare Neurologe? Ich habe ihn gefragt: Was mach ich denn jetzt? Und er hat geantwortet: Abwarten, Tee trinken und Stress vermeiden. Lernen sie mit der Krankheit zu leben, kämpfen sie nicht gegen sie. Diese einfachen Worte begleiten mich immer noch und haben mir mehr als einmal das Überleben gesichert.

Aber meinem Umfeld ging es nach der Diagnose so richtig schlecht. Die haben nächtelang nicht geschlafen, vorsorglich Pflegeplätze für mich gesucht, sich damals noch ohne Internet über meine Krankheit erkundigt und mein Sterbedatum ermittelt.

Und ich? War undankbar, hab einfach weiter gelebt, mich auf der Meisterschule angemeldet, neben dem Vollzeitjob die Schulbank gedrückt und am Ende auch noch erfolgreich abgeschlossen. Warum gibt mein Umfeld mein Leben vor mir auf?

Du mußt dich doch schonen!“ Warum? Ich bin krank. Nicht tot. Das kommt erst noch. Aber es scheint ein ungeschriebenes Gesetz der Nichtkranken zu sein, daß man als Erkrankter gefälligst zu leiden hat. Was für mich auch den Erfolg von „Fifty shades of grey“ erklärt. Ich muß leiden und die anderen wollen mich leiden sehen. Sonst macht das keinen Spaß.

Nimm einem Kranken niemals sein Leiden weg!

Mag zynisch klingen, aber viele Menschen wollen leiden! Sie scheinen nur noch ihre Krankheit oder ihre Behinderung zu haben. Es ist ihr einziger Halt im Leben, Sinn des Lebens. Man erfährt plötzlich eine nie gekannte Aufmerksamkeit. Angefangen von Ärzten und Pflegern, Therapeuten, Angehörigen, Freunden. Ich weiß von was ich schreibe. Ich hab es selbst erlebt. Und ja, auch genossen.

Aber ich habe nie gelitten. Ich hasse Worte wie Leidensgenosse. Ich bin zwar leider Genosse, aber ich leide nicht. Noch schlimmer Mitleidende. Von Mitleid kann ich mir nichts kaufen. Es fördert auch nicht die Genesung. Leidet gefälligst alleine.

Du hast gut reden“ Es beginnt das Krüppel-Bingo.

Deswegen werde ich auch oft angefeindet. Du kannst ja noch laufen. Du hast keine Probleme einzuschlafen. Du hast dies nicht. Du hast das nicht. Ein völlig absurder Wettstreit. Wer hat die meisten Beschwerden. Wer hat wie viele Medikamente, wer die heftigsten Nebenwirkungen. Wer hat wie lange auf einen Facharzttermin warten müßen. Wer hat die schlechtesten Erfahrungen mit der bösen Krankenkasse gemacht. Wer wurde am ungerechtesten von der Rentenversicherung behandelt. Wer mußte durch mehr Instanzen klagen, um am Ende doch keinen blauen Parkausweis zu bekommen. Ich spiel da nicht mit.

Wenn du denkst, es geht nicht mehr…“
Es gibt immer Luft nach unten

Mein Leben und damit auch meine Kranken- und Behindertenkarriere sind noch nicht zu Ende. Ich habe über zwanzig Jahre sehr gut mit der einen Krankheit gelebt. Ich hab ihr die Aufmerksamkeit geschenkt, die ich für angebracht hielt. Irgendwann hab ich aufgehört, die Krankheit zu erwähnen, ich hab sie fast vergessen. Man sah es mir ja auch nicht an. Alles war gut. Ich wußte, daß ich sie habe. Nicht weniger und nicht mehr.

Natürlich hätte ich mich in Depressionen ertränken können, gepaart mit lustigen Horrorszenarien, wie ich hilflos im Rollstuhl vor mich hin vegetiere. Aus dem bodentiefen Fenster starre, Falschparker fotografiere und beim Ordnungsamt melde. Hab ich aber nie. Keine Ahnung warum. Es ging mir gut. Nur meiner Umwelt wieder nicht. Du mußt viel öfter zum Arzt. Hast du mal deine Blutwerte testen lassen? Du mußt endlich mal eine Reha beantragen! (Das war alles teils lange Zeit vor dem Zusammenbruch und dem Koma.)

Warum immer diese pathologische Samariteritis?

Dann kam vor über zwei Jahren die Depression. Ich nehm es vorweg, es war keine klassische Depression. Es hat sich ja am Ende gezeigt, warum die Antidepressiva nichts gebracht haben. Ich war alleine, Beziehung am Ende, Burnout, leer. Und ich war krank, schwer krank aber nicht erkannt und entsprechend auch nicht behandelt. Ich konnte meinem eigenen Verfall zusehen. Aber keine Ursache. Keine Diagnose. Ich war am Ende und habe mich in die Psychatrie einweisen lassen.

Mein Umfeld diesmal sprachlos. Keine Ratschläge. Keine Besuche. Konnte wohl keiner was mit anfangen. Also Abstand. Zwei Monate. Gebessert hat sich mein Zustand nicht. Körperlich ging es mir immer schlechter. Aber auch jetzt waren die Ärzte nicht in der Lage, was zu finden. Ich habe wieder nicht gelitten. Aber auch nicht wirklich gelebt. Ein Leben unter Drogen, nur ohne.

Ich dachte ich hätte ein Leben auf der Überholspur gelebt. Irrtum. Es war der Seitenstreifen.
Fortsetzung folgt…

Kopfschütteln

Ich bin ja wieder auf dem Markt. Nein, nicht auf dem Singlemarkt.
Sondern auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das ist viel lustiger.
Und ein bischen wie bei der Partnersuche.

Man schreibt einen Lebenslauf. Neudeutsch sagt der Fachmann Profil.

Aber du trägst deinen richtigen Namen ein. Nicht etwa loverboy1970 oder flotterentnerin0815. Das wars aber auch schon mit dem Unterschied zu Elitepartner oder Tinder.
Ab jetzt gehts los mit den Alternativen Fakten:
Ganz wichtig ist, wie bei der Paarungspartnersuche auch, die Wahl des richtigen Bildes. Mein aufgemalter sixpack dürfte keinen Personaler vom Hocker reißen. Auch meine Rückansicht von Peters Jungesellenabschied ist natürlich nix für ein Bewerbungsfoto. Also wieder mal zum Passbildfotografen? Nein. Wir leben in zweitausendachtzehn. Jeder Dödel hat ein Fotohandy und alle erdenklichen Bildbearbeitungsapps. Das machen wir selbst! Und biometrisch sieht bei mir einfach unvorteilhaft aus.

Kaum hab ich nach nur hundertachtundsechzig Versuchen mit dem Handy vor verschiedenen Hintergründen ein halbwegs passables Selbstportrait zum Sieger gekürt, mache ich den Fehler und öffne das Bild. In groß. Diese blöde Kamera mit Telefonfunktion hat aber eine Auflösung, die mich in die nächste Depression treibt. Man sieht ALLES! Jede Pore, jedes Haar, jede Schuppe, jede Falte, jeden Kratzer. Der Mitesser auf dem Nasenflügel ist sogar bildschirmfüllend.

Drei Tage Bildbearbeitung. Vollzeit. Das Bild, das ich jetzt verschicke, hat mit mir nicht ganz so viel zu tun, ich gebs ja zu. Aber es zeugt von meinen Fähigkeiten mit der Software. Und von meinem unbedingten Willen. Das muß die doch beeindrucken. Hoffe ich.

Ja, ich hätte auch ein x-beliebiges Portrait aus einer gehackten russischen Bilderdatenbank im Darknet runterladen können. Aber ich wach noch vor dem verschicken der mail auf weil mir einfällt: Vielleicht laden die mich zu einem Vorstellungsgespräch ein!? Dann sehen die mich ja als Realholographie !

Das vergisst man in der digitalen Welt ganz schnell. Und plötzlich ist da kein Avatar, daß dich fragt, wo du dich in zehn Jahren siehst. Es ist ein analoger Personalchef.

Die Frage, wo ich mich in zehn Jahren sehe, ist mir tatsächlich mal gestellt worden. Ich vermute sie steht in einem Heyne-Ratgeber aus der Bahnhofsbuchhandlung. „Personalführung wie die Profis“
Gedacht hab ich damals nur: Na in einem Pool mit Nutten und genügend Koks, wo denn sonst? Gesagt hab ich was anderes.

Warum ich den Job bekommen hab weiß ich nicht.

Déjà-vu

Ich habe jemanden kennengelernt.“
Den Satz sagt sie eben gerade im Film zu ihm. Das Gesicht des Mannes zuckt nur wenige Millimeter, aber es bricht auf dieser kurzen Strecke komplett in sich zusammen. Mit vier Worten wurde etwas beendet, was jahrelang lebte und gelebt wurde, was liebte und geliebt wurde. Es brauchte keine Erklärung, kein warum oder wieso. Es folgte auch keine, die Szene war beendet, genau wie die Beziehung. Kurz, knapp und ohne jeden Zweifel an der Endgültigkeit. Vorbei.

Es sticht ins Herz und es tut weh.
Déjà-vu

Ich rede es mir nicht schön. Verlassen zu werden ist scheiße. Aber es gehören immer Zwei dazu. Der Mann im Film bin ich: Er rastet nicht aus, er schreit sie nicht an, er ertrinkt aber auch nicht in Selbstmitleid. Ich habe kein Allein- und Absolutheitsanspruch an einen Menschen, egal ob und wie lange ich mit ihm zusammen war. Egal, ob wir zusammen gewohnt oder uns nur aneinander gewöhnt haben.

Was mich ein klein wenig tröstet: Es ist wenigstens keine Ausrede oder leere Floskel. Auch keine Notlüge, nur um mich los zu werden.
Danke dafür. Vielleicht sag ich diesen Satz auch bald wieder zu mir…

Mein Tod ist hell

Fast hätte ich geschrieben „war hell“, aber das würde bedingen, daß ich den Tod schon hinter mir hab. Hab ich aber nicht. Noch nicht mal das Leben, das hab ich noch vor mir. Und das ist auch ganz gut so, sonst hätte ich mit Sicherheit jetzt größere Probleme meinen Tee zu trinken und meine wirren Gedanken über eine Tastatur auf dem Bildschirm sichtbar zu machen.

Mich beschäftigt die Zeit, in der ich nicht so ganz anwesend war. Nicht daß ich darunter leide, ganz im Gegenteil. In der Zeit habe ich mehr über das Leben und mich erfahren, als in den siebenundvierzig Jahren davor. Nie war ich glücklicher und dankbarer Leben zu dürfen als jetzt. Aber warum durfte ich das alles er-leben, warum durfte ich es über-leben?

Stell dir vor, du bist Atheist und du stellst plötzlich fest: Es gibt keinen Gott! Du bist vollgepumpt mit Drogen, liegst im Koma irgendwo zwischen hier und weg, nicht wirklich lebendig auf einem Kühlkissen bei 33° frisch gehalten, aber noch nicht klinisch tot. Die Drogen fangen an, ihre ganze Wirkung zu entfalten und du kriegst einen Trip. Vielleicht ist es auch keiner, du weißt es nicht. Es kann genauso gut sein, daß du tot bist. Also mach ich das kostenlose Probetraining mit.

Ich bin allein. Kein Mensch hier. Kein Gott. Kein Messias. Kein Prophet. Kein Leibhaftiger. Kein Engel. Kein Tunnel und schon gar kein Licht am Ende. Aber es ist hell, da wo ich jetzt bin. Es ist nicht grell, es tut nicht weh, ein angenehmes helles und warmes Licht. Es ist eigentlich gar kein Licht, wie ich es bis heute gekannt hab, es ist Teil des Zustands, in dem ich mich befinde. Der Zustand fühlt sich gut an. Obwohl ich nichts fühle. Keine Kälte, keine Wärme, keine Schmerzen.

Es ist still. Sehr still. Aber nicht totenstill, keine Stille die mir Angst macht. In dem Augenblick fällt mir auf, daß ich überhaupt keine Angst spüre. Warum auch, denk ich so für mich. Es ist schön hier. Ich hab auch keinen Hunger, ich muß überhaupt nicht über irgendetwas nachdenken. Ich kann einfach nur sein.

Ich fühle mich auch nicht allein, habe auch nicht das Bedürfnis nach jemanden zu rufen. Ganz davon abgesehen, daß es diese wunderbare Ruhe zerstören würde. Gott, der du nicht da bist, weil es dich nicht gibt- ist das schön hier! Ich bleibe! Das ist der Frieden, nach dem alle suchen, genau so sieht er aus, riecht er, schmeckt er, fühlt er sich an. Kurz habe ich das Bild eines Embryos im Mutterleib, hell und freundlich, leise und warm. Sicher.

Das Leben scheint einen anderen Plan für mich zu haben. Ich muß diesen Ort wieder verlassen. Dahin zurück wo man behauptet, es sei das Diesseits. Ich sehe nicht an der Zimmerdecke schwebend zu, wie ich in meinen Körper zurück kehre. Ich schlafe einfach noch eine ganze Weile weiter und wache dann tatsächlich wieder auf! Kein Wecker, der mich hochschrecken lässt, sondern ganz langsam und sanft. Die Ärzte reduzieren nach und nach die Drogen, das Wiederkommen tut nicht weh. Eine sanfte Geburt.

Es dauert noch etliche Tage und Wochen, bis ich einigermaßen bei klarem Verstand bin. Auch ein Jahr danach erscheint immer noch vieles unwirklich. Aber ich bin wieder da. Und wie. Natürlich werde ich irgendwann sterben. Aber ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt und wo ich hinkomme. Ich habe keine Angst davor. Ich freue mich irrsinnig auf das Leben. Aber auch auf das, was danach kommt.

Mein Handtuch liegt schon auf der Liege am Pool …

Staade Zeit

Das Jahr stolpert dem Ende entgegen, es ist wieder der Zeitpunkt gekommen um inne zu halten, den „Artikel-nochmal-bestellen-Button“ beim Onlinehändler des Vertrauens zu klicken, damit die neuen Kalendereinlagen diesmal vor der Sommerpause einsortiert sind, die Verbrauchermarktprospekte mit den Osterangeboten und die To-do-Listen vom letzten Sommer dem Altpapierrecycling zu zuführen und, soweit es die retrograde Amnesie zulässt, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen.

Ich mach das zum ersten Mal in meinem Leben ganz bewusst. Ohne jegliche Jahresendzeitduselei, aber mit Lebkuchen. Und ich tue es dieses Jahr mit sehr viel Spaß – am Leben. Daß ich, immer noch oder wieder lebe, ist nicht selbstverständlich und normal, es ist großartig und wunderbar! Das klingt alles zugegebenermaßen etwas schwülstig, um nicht zu sagen spirituel oder religiös.

Ich zelebrier trotzdem kein Weihnachten, ich zünde keine Kerzen in irgendwelchen Kirchen an. Aber auch keine Kirchen mit irgendwelchen Kerzen.

Kurt Tucholsky hat einmal geschrieben: „Wenn sie tot sind, werden sie erst merken, was Leben ist. „ Ich habe diesen Satz zum ersten Mal gelesen, sehr lange bevor ich mein vergangenes Jahr anfing. Es war auch einer der ersten Sätze, die mir durch den Kopf gingen, als ich vor jetzt genau elf Monaten wieder aufwachte und gleichzeitig damit begann, überhaupt zu leben.

Eine der beliebtesten Fragen bei einer selbst reflektierenden Rückschau: “Würde ich es nochmal genau so machen?“ Vor einem Jahr hätte ich mit einem überzeugten „Ja sicher“ geantwortet. Und heute? Regt mich schon die Frage auf! Es ist Vergangenheit, es gibt nichts mehr zu ändern. Ich kann nur im Jetzt handeln und damit vielleicht die Zukunft beeinflussen, aber auch nur vielleicht. Ich bin mein eigener Täter, nicht mein Opfer. Es war ganz sicher nicht alles toll, was ich so getrieben hab. Aber ich setze mich nicht in mein Jammertal, ach hätt ich nur und warum hab ich nicht.

Nein, ich bereue nichts, ich mache nur vieles anders. Ich bin kein besserer Mensch geworden im letzten Jahr, nur ein Anderer. Und den Anderen find ich persönlich ziemlich gut. Es macht mir viel Spaß mit ihm, ich entdecke ihn jeden Tag neu und freue mich einfach nur auf mein Sein und auf das Hier und auf das Jetzt.

 

Ich wünsche euch Allen von Herzen eine genauso staade Zeit, wie ich sie gerade haben darf…

Liebe Familie Hüsseyn

ich nenn euch jetzt einfach mal so, wegen der Vorurteile und so. Ich schicke aber eines gleich vorweg: Es gibt euch millionenfach auch mit anderen Hautfarben, mit anderen Sprachen, komischen Kopfbedeckungen und lustigen Namen wie Sahra-Lena Schulze-Schnödeltrööt oder Finn-Torben-Luca Schmidt.

Ich hatte heute einen für mich recht anstrengenden Tag, hab nachts nicht schlafen können wegen eines meiner Gebrechen, war ab 5.30h wach, war um 10.00h bei der Ergotherapie, um 11.00h beim Augenarzt, um mich für die Spritze von vorgestern zu bedanken, kurz zurück nach Hause, dann mit dem Bus zum Bahnhof, Bus ist verspätet, Bahn in die Nachbarstadt verpasst, dreiviertel Stunde zu spät beim Facharzt, die sonst wirklich tolle und wunderbare MTA (früher sagte man Arzthelferin) hatte einen ganz schwarzen Tag und ich mußte genervt und besudelt den Rückweg antreten.

Der Zug zurück stand nach wenigen Minuten schon abfahrbereit am Gleis- läuft, denk ich noch. Dann, in der letzten Sekunde, kommt ihr in den Zug gestürmt, gezaubert, gestolpert? Drei Kinderwagen, vier Kinder, ein Handy mit einer Mutter dran. Mit dem Handy kann und wird sie aber nicht ihre Kinder steuern, weder per w-lan, noch Bluetooth oder Smart-Home. Sie telefoniert. Wahrscheinlich mit ihrer besten Freundin. Die Kinder sind, noch bevor der Zug losrollt, mit Feuereifer damit beschäftigt, den ganzen Wagen zum Abenteuerspielplatz zu erklären und den Gang in fünf Minuten und 25 Sekunden 2,5 km weit abzulaufen. Ich denke an meinen Rollator und beiße in die Tischkante am Fenster. Der Neid der Besitzlosen.

Im Horoskop auf meinem Zuckertütchen heute morgen stand irgendwas von „Ihre Geduld und Toleranz ist heute gefragt“ Ab morgen nehm ich Süßstoff! Während mein Blutdruck in ungeahnte Höhen steigt, mein Pazifismus und mein Egoismus über die richtige Wahl der Waffen streiten, erschrecke ich über mich selbst. In Sekundenbruchteilen rauschen tausende Vorurteile durch mein Hirn.

Da steht plötzlich das kleine Mädchen, vielleicht vier Jahre alt vor mir, lacht mich an und erzählt mir einen Witz in einer Sprache, die ich nicht verstehe, um dann sofort wieder mit ohrenbetäubendem Lärm ihre Brüder am anderen Ende des Zuges zu ärgern.

Jetzt spüre ich meine Gesichtsmuskulatur arbeiten, ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Leider ist nach zwanzig Minuten die Fahrt schon zu Ende, ich wäre gerne mit euch noch weiter gefahren. Ihr habt mir einfach nur gezeigt, was Leben ist und Leben sein kann, manchmal eben wild und laut.

Endbahnhof: Wir steigen alle aus und auf dem Bahnsteig steht eine Mutter mit einem Kinderwagen in der einen Hand und einem Handy in der anderen und begrüßt euch überschwänglich und herzlich… Danke!

Was wollte ich noch gleich…?

Sigrid B. aus E. hat mich erinnert, daß ich ein Buch schreiben will.

Ja, ich trage mich mit dem Gedanken, selbige zusammen zufassen und zu veröffentlichen. Auch wenn ich keine Zielgruppe habe. Muß ich die haben? Reicht es denn nicht, zu viele Gedanken-Gänge zu besitzen?

Unstrukturiertes Chaos in meinem Kopf ist mir nicht neu, das Bedürfnis, meine persönliche und sehr subjektive Meinung herauszuschreien auch nicht.

Meine Sicht der Dinge scheint manche zu amüsieren, manchmal auch zum Lachen zu bringen- was für mich das größte Kompliment ist. Aber ich bin kein Komiker, allenfalls Zyniker, vielleicht Satiriker oder Kabarettist, wer weiß das schon. Bis ich den ersten Zyniker,- Satire- oder Kabarettpreis bekomme, fließt noch viel Wasser den Rhein runter, bis dahin hat vielleicht auch schon Köln einen Nordseehafen.Egal, ich habe Zeit, sehr viel Zeit. Und ich weiß hier und heute, daß ich wahnsinnig Bock auf Leben hab!

Ich hab‘ noch nie im Leben Berge versetzt ich tu‘ es jetzt. „ (Udo Jürgens)

Die Krankheiten (Plural, also mehrere) und die Endzeiterfahrung im letzten Jahr haben mich mehr und schneller verändert, als die sechsundvierzig Jahre Leben zuvor. Ich weiß heute, was es bedeutet am Boden und am Ende zu sein, ich saß am Ufer der Styx und schaute hinüber in den Hades… hatte dankenswerter Weise kein Kleingeld dabei. Was mir wohl das Leben gerettet hat. Ich will meine Lebenslust teilen, der Krankheiten und Behinderungen zum Trotz oder gerade deswegen. Freu mich auf Reaktionen!

Bis bald

wladdi

VIBPs

Reisen bildet, ob aus oder weiter sei dahin gestellt, auf jeden Fall unterhaltsam und soziologisch nicht unbedeutend. Ich fahre an einem Dienstagnachmittag von Hamburg nach Berlin, ICE, sehr gut gefüllt. Auf Geheiß der heute mal freundlichen Fahrkartenkontrollfachangestellten zücken ausnahmslos alle ihre Schwarze Mamba – Aha, Buisenessexpress denk ich mir, aber zum fliegen zu knausrig. Oder wegen der 100% Ökostrom? Vielleicht wenn der neue Flughafen mal…? Abstecher ins Boardbistro: Buisenessstreichelzoo. Agenturschönheiten, die sich außer Prenzlauerberg nur Hamburg als Wohnalternative vorstellen können, sabbernde Kollegen im Anzug und Bierfahne, die an ihren Lippen kleben. Wahnsinnig trendy, wie sich alle, während sie Smalltalk absondern gleichzeitig auf ihren Outdoorblackberries die elektronische Post checken, die Welt retten und ihren Lieben daheim schreiben, daß der Zug pünktlich ist.
Ich freu mich einfach nur auf das Bier nacher mit Martin, auf nen schönen entspannten Abend und bin froh, daß ich kein Veryimportantbuisenesspeople bin.

Denk ich an Schwaben in der Nacht…

Jetzt streiten sie wieder: Dürfen die Türken beitreten und mitspielen oder nicht. Was auf dem Taksimplatz und im Gezipark passiert, hat ganz sicher nichts mit europäisch-zivilisiertem Umgang mit friedlichen Demonstranten zu tun. Aber wer jetzt schreit, die Türkei ist weit entfernt davon, ein Beitrittskandidat zu sein, dem möchte ich in Erinnerung rufen, daß wir selbst auch eher ein Zwangsaustrittskandidat sind, denn Musterknabe: Es mag vielleicht weit hergeholt erscheinen, aber ich muß bei den Bildern aus Istanbul unwillkürlich an selbige aus Stuttgart denken, als die unsrige Executive mit Wasserwerfern und Tränengas einen Park von friedlichen Demonstranten befreite. Oder ich denke noch weiter zurück an Wackersdorf oder das Frankfurter Wäldchen am Flughafen. Und bei all diesen Protesten ging es „nur“ um konkrete Anlässe und Bauvorhaben, die staatspolitische Dimension wie jetzt in der Türkei fehlte gänzlich. Dennoch gleichen sich die Bilder in fataler Weise.
Um es deutlich zu sagen: Das, was hier passiert, dürfen wir in keiner Weise hinnehmen, es zu verurteilen unsere Pflicht. Aber Ausgrenzung ist kein Mittel. Oder aber, wir fangen damit bei uns an und trennen uns von einem Bundesland aus dem Südwesten.
Wer jetzt von „mangelhaftem Demokratieverständnis“ redet, der möge sich bitte die Bilder aus Germanien in den Archiven von ARD und ZDF zu Gemüte führen. Und die völlig berechtigte Kritik an der Türkei richtig und laut formulieren.

PS: Über den Neofaschismus in Rusland werd ich mich in Kürze auch noch aufregen…

Reisegedanken, diesmal am Montag

Für meinen kleinen Horizont gibt es Grenzen. Eine wird erreicht, wenn ich versuche, während einer Zugfahrt zu schreiben. Schreiben hat etwas mit Stille zu tun, Stille kommt von Stillstand. Und das ist ganz sicher keine Eigenschaft von Zügen, jedenfalls im Idealfall. Der allerdings wird immer häufiger zum Ausnahmefall. Der Mitreisende direkt in der Reihe hinter mir hat es auch nicht so mit der Ruhe, ich darf an seinem Leben teilnehmen, ob ich will oder nicht. Weiß sein Telefonpartner eigentlich, daß ich jetzt ein Druckmittel gegen ihn in der Hand habe? Ich vermisse die Frage „Darf ich mir mal den Sportteil borgen?“ Bestenfalls fragt man nach dem Ladegerät des Mitreisenden. Heute ist Montag, ich könnte auch bis München mitfahren…